Besuch des griechischen Staats­präsidenten Prokopis Pavlopoulos im Schlosss Bellevue

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am 9. Juni beim Abendessen mit dem Staatspräsidenten der Hellenischen Republik eine Ansprache gehalten: "Wir wollen gemeinsam arbeiten an einem starken, einem solidarischen europäischen Gemeinwesen. Das wird Kraft kosten, aber ich bin mir sicher, wir werden es schaffen. Wir haben Grund, zuversichtlich zu sein."

Athen, so heißt es bei Christoph Martin Wieland, lässt alle anderen Städte zu Dörfern verblassen. "Überall siehst Du Dich von ehrwürdigen Denkmälern des Altertums und herrlichen Werken der neuern Kunst und des reinsten Geschmacks umgeben", lässt er seine Protagonistin Glycera schwärmen, die vollends in Verzückung gerät, als sie zum ersten Mal den Parthenon sieht. Wieland, ein Zeitgenosse Goethes, war niemals in Athen. Er stammte aus Oberholzheim, einem Dorf bei Bieberach.

Sehr geehrter Herr Staatspräsident, lieber Prokopios Pavlopoulos,

ich weiß nicht, ob Sie, an die Schönheit Athens gewöhnt, beim Anblick Kassels in Verzückung geraten werden, aber ich kann Ihnen versichern, wir haben dort seit einiger Zeit auch einen Parthenon. Es ist der Parthenon der Bücher, er steht auf dem Friedrichsplatz und ist Teil der documenta 14, deren deutschen Part wir morgen gemeinsam eröffnen werden. Ich finde ihn beeindruckend.

Die Künstlerin Marta Minujín versteht ihren Parthenon aus gelesenen und gespendeten Büchern als Mahnmal für Demokratie und Erziehung. Sie greift die ursprüngliche Aufgabe des Parthenons als Aufbewahrungsort des Schatzes des Attischen Seebunds auf und entdeckt den kollektiven Wert erlesener Schätze neu. Sie schmilzt ihn um in kulturelle Währung.

Dieser Parthenon steht tatsächlich sinnbildlich für die documenta 14, für ihr Motto: "Gemeinsamen schaffen – voneinander lernen". Die Idee, diese documenta an zwei Orten miteinander interagieren zu lassen, war eine exzellente Idee. Der Plan ist aufgegangen. Und das freut mich sehr, besonders natürlich für die Organisatoren, aber auch für die ausstellenden Künstler, für das Publikum und für unsere beiden Länder, für Griechenland und Deutschland. Und nicht zuletzt für uns beide – wie schön, Herr Staatspräsident, dass Sie unserer Einladung nach Kassel folgen konnten, nachdem wir gemeinsam vor wenigen Wochen die documenta in Athen eröffnet haben!

Die documenta 14 setzt ein Zeichen für Verbundenheit, für Solidarität und Gemeinschaft. Denn nach den schwierigen politischen Krisen-Verhandlungen, nach allem, was unsere Länder mitunter trennen mag – wir haben Vieles und Wichtiges gemeinsam, wir haben eine gemeinsame europäische Kultur. Die documenta erinnert uns daran, sie fragt uns nach unseren gemeinsamen Zielen, danach, wie wir miteinander umgehen wollen, wie wir uns miteinander einrichten wollen, in einem friedlichen, solidarischen und geeinten Europa.

Ich weiß in Ihnen, Herr Staatspräsident, einen überzeugten Europäer an unserer Seite, auch dort, wo wir über schwierige Themen sprechen und verhandeln müssen. Europas Zukunft ist ohne Griechenland so wenig denkbar, wie seine Vergangenheit.

Unsere gemeinsame Kultur, unsere gemeinsamen Werte stärken uns auf diesem Weg. Wir wollen keine Nivellierung aller Gegensätze und Unterschiede zwischen uns, wir können sie gar nicht wollen, weil wir so den Reichtum der europäischen Kultur preisgeben würden. Wir wollen gemeinsam arbeiten an einem starken, einem solidarischen europäischen Gemeinwesen. Das wird Kraft kosten, aber ich bin mir sicher, wir werden es schaffen. Wir haben Grund, zuversichtlich zu sein.

Verehrter Herr Staatspräsident, lassen Sie mich das Glas erheben auf Ihr Wohl, auf das Wohl der Hellenischen Republik und auf das, was uns verbindet.

Besuch des griechischen Staats­präsidenten Pavlopoulos im Schlosss Bellevue

Abendessen zu Ehren des Präsidenten der Hellenischen Republik, Prokopios Pavlopoulos – Austausch im Großen Saal