Ansprache des Botschafters Dr. Wolfgang Schultheiss anlässlich des Volkstrauertages auf dem Soldatenfriedhof Dionyssos-Rapendoza
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Botschafter Dr. Wolfgang Schultheiss
Meine Damen und Herren,
liebe griechische Freunde, liebedeutsche Landsleute,
Wir feiern heute den Volkstrauertag.
- An ihm gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
- Wir gedenken der Gefallenen und der in Kriegsgefangenschaft Verstorbenen.
- Wir erinnern uns an die Schrecken der Vertreibung, an die Not der Bombenopfer und
- wir gedenken derer, die aus ideologischen und rassischen Gründen verfolgt wurden oder weil sie Widerstand leisteten.
Für die älteren unter uns sind die Erinnerungen noch lebendig an die Zeit, als man am Volkstrauertag Lichter ins Fenster stellte, um der Kriegsgefangenen zu gedenken; als Suchbilder Vermisster an den Wänden angeschlagen waren; als wir als Kinder in Trümmergrundstücken spielten und täglich Kriegsversehrte an die Wohnungstür klingelten, um ein Stück Brot zu erbitten. Damals war der Krieg noch allgegenwärtig.
Heute, 60 Jahre nach Kriegsende, ist dies alles unwirklich und für die junge Generation kaum vorstellbar – zwar intellektuell erfassbar, aber nicht erfühlbar. Und das ist gut so. Wir leben gemeinsam mit unseren früheren Kriegsgegnern in einem geeinten Europa, sind Partner und Freunde geworden, und die Vergangenheit hat nur noch ganz selten Auswirkungen auf unser tägliches Leben. Dennoch ist wichtig, daß wir uns erinnern und uns bewußt sind, was Menschen anderen Menschen antun können.
Die Erinnerung kann ruhig gerade uns Deutsche ein wenig demütig machen. Sie macht uns bewußt, zu welchen Abgründen der Mensch fähig ist, wie leicht man in Verstrickung gerät und wie schwer – und zugleich wie wichtig – es ist, aus Gewissensgründen gegen den Strom zu schwimmen, vor allem dann, wenn es mit Nachteilen bis hin zur Gefahr für Leib und Leben verbunden ist.
Die Erinnerung ist wichtig für unsere eigenen Landsleute, die im Krieg Familienangehörige verloren haben oder aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Sie ist unerlässlich für ein gedeihliches Zusammenleben mit den Menschen der Länder, die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie geworden sind und häufig auch den Verlust eines Teils ihrer Heimat zu beklagen haben. Die Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen zeigt, wie virulent auch heute dieses Thema noch ist, wie sensibel und mit wie viel Verständnis es – auch für die Sorge, wir wollten die Geschichte umschreiben und unsere Verluste und Vertreibungen in den Vordergrund stellen – behandelt werden muß.
Wir leben in einem Land, das auch Opfer der Aggression Hitlers gewesen ist, sich heldenhaft gewehrt und einen hohen Blutzoll gezahlt hat. Ein Land, mit dem wir seit 25 Jahren gemeinsam in der Europäischen Union für ein friedliches und prosperierendes Europa arbeiten, ein Land, das uns bald nach dem Krieg die Hand zur Versöhnung und zur Zusammenarbeit gereicht hat. Das ist nicht leicht, wenn man so unter der deutschen Besatzung gelitten hat. Das erfordert Menschlichkeit und ein großes Herz. Das haben wir bei den Griechen gefunden, und genau das hat mir auch Staatspräsident Papoulias versichert, als ich ihm mein Beglaubigungsschreiben überreicht habe. Ein äußeres Zeichen für diese Versöhnung ist, daß heute das Bläserquartett des griechischen Heeres bei unserer Feier spielt. Ich danke ihm sehr herzlich.
Ich freue mich auch besonders, daß Schüler der Deutschen Schule Athen heute wieder die Feier mitgestalten. Erinnerungen oder auch nur Erzählungen aus dem Krieg, mit denen meine Generation aufgewachsen ist , sind ihnen fern. Aber es ist wichtig, an einem Tag wie heute einmal innezuhalten und sich bewußt zu machen, wie die Welt um uns herum aussehen könnte, wenn wir nicht die Lehren aus der Geschichte gezogen hätten. Und wie sie heute noch in vielen Teilen der Welt aussieht, wo Menschen – seien es Aufständische oder Terroristen – aufeinander schießen. Es ist ein Tag, wo wir uns aus der Trauer um die Toten und aus der Scham darüber, daß unser Land und seine Menschen Auslöser für eine Weltkatastrophe waren, an die Verpflichtung erinnern sollten, im Rahmen unserer Möglichkeiten für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt einzutreten. Wir können nicht überall in der Welt gegen Krieg, Verletzung der Menschenrechte und Not vorgehen. Aber wir können uns alle engagieren und zumindest einen kleinen Beitrag leisten, durch den wir zeigen, daß wir gelernt haben, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen und Menschlichkeit zu üben. Das ist ein Auftrag, der sich an uns Ältere richtet, die wir Verantwortung tragen, aber auch an die Jugend, die in diese Verantwortung hereinwachsen wird.
Der Volkstrauertag trägt dazu bei, dass wir die Sehnsucht nach einer Welt ohne Waffen wach halten. Nach einer Welt ohne Krieg, nach einer Welt, in der Kinder spielen dürfen, ohne vor Minen oder Autobomben Angst haben zu müssen, nach einer Welt, in der wir uns versöhnen und der Ungerechtigkeit ein Ende machen. Das kommt nicht von alleine, dafür müssen wir - notfalls auch mit international legitimierter militärischer Macht - einstehen. Das ist der alte Widerspruch, mit dem wir uns auseinanderzu setzen haben.
Die deutschen Soldaten, die hier liegen, sind nicht aus freien Stücken in dieses Land gekommen. Ihr Leben wurde durch politische Umstände bestimmt, die uns heute fast unwirklich anmuten, die damals aber doch ganz real waren, denen man sich nicht entziehen konnte und denen sie mehr oder weniger positiv gegenüber gestanden haben mögen. Es waren vor allem junge Leute, Anfang zwanzig, die hier liegen und die in der hoffnungsfrohsten Phase ihres Lebens dahingerafft wurden. Sie waren, wenn auch in anderer Weise, Opfer wie die, gegen die sie gekämpft haben. Lassen Sie uns eine Minute in Stille verharren und gemeinsam unserer Toten und aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedenken.
Ich danke Ihnen.