15 Jahre wiedervereinigtes Deutschland
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Botschafter Dr. Wolfgang Schultheiss
Fast 16 Jahre ist es her, daß die Berliner Mauer gefallen ist. 11 Monate später, am 3. Oktober 1990, konnten die Deutschen aus Ost und West in einer bewegenden Szene vor dem Reichstag und dem Brandenburger Tor in Berlin die Wiedervereinigung feiern.
An diesem Tag wurde Wirklichkeit, was 40 Jahre lang als politisches Ziel verfolgt worden war, was viele aber doch – zumindest in ihrer Lebenszeit – für utopisch gehalten hatten. Zu verdanken haben wir das den Bürgern der DDR, die mit Mut und Entschlossenheit in friedlichen Demonstrationen ihre Freiheit erkämpft und ein totalitäres Regime mit seinem Einschüchterungspotential zum Einsturz gebracht haben. Damit haben sie eines der schönsten Kapitel der deutschen Geschichte geschrieben, auf das sie stolz sein können.
Es war dann das Verdienst der Regierung Kohl, den Mantel der Geschichte ergriffen und aus dieser Situation heraus die Wiedervereinigung politisch erreicht zu haben. Ende 1989 war das noch keineswegs sicher, mehrere Zukunftsmodelle wurden diskutiert. Es gab, entgegen allen Erwartungen, auch keine ausgearbeiteten Pläne der Wiedervereinigung in den westdeutschen Schreibtischen. Alles wurde ganz neu durchdacht und diskutiert; ich habe selbst an einer solchen Arbeitsgruppe teilgenommen. Es war ein intensives brain-storming zu einer Jahrhundertfrage der Nation. Und so ist es gelungen, die deutsche Einheit zu erreichen, nicht zuletzt dank der Hilfe unserer Freunde und Verbündeten in aller Welt.
Heute, 15 Jahre danach, ist das wiedervereinigte Deutschland für die junge Generation der Studenten und Schüler Normalität. Die frühere Teilung Deutschlands ist für sie nur noch eine historische Erinnerung, die sie nicht persönlich berührt. Einer meiner Söhne hat nach dem Umzug von Bonn die letzten 2 Jahre vor dem Abitur ein Gymnasium in Ostberlin besucht. Für ihn war das ein Schulwechsel wie jeder andere auch. Es spielte keine Rolle für ihn, wo seine Freunde herkamen, wo er Fußball spielte und ob er sich in Ost- oder Westberlin bewegte. So wächst Deutschland wieder zusammen.
Der Prozess ist natürlich noch nicht abgeschlossen. Die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West sind noch nicht ausgeglichen. Zwar gibt es auch in den neuen Bundesländern regionale Erfolgsgeschichten, aber insgesamt gilt, daß z.B. die Arbeitslosigkeit dort merklich höher ist als in den alten Bundesländern. Das führt natürlich zu Unzufriedenheit, der Vergleich mit Westdeutschland gelegentlich auch zu ungerechtfertigter Kritik.
Aber wir haben dank der Tatkraft und Solidarität der Deutschen in Ost und West schon viel erreicht. Die Städte in Ostdeutschland sind vor dem Verfall gerettet und zeigen sich im neuen Glanz. Der Osten Deutschlands verfügt über eine der besten und modernsten Infrastrukturen der Welt und ist für Investoren durchaus attraktiv. Überall sind neue Straßen und Eisenbahnlinien gebaut worden. Die Zerstörung der Umwelt ist gestoppt und gutteils auch geheilt. Es haben sich Wissenschafts- und Technologiezentren entwickelt, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen – von den Schiffbauern in Wismar bis zu den Autobauern in Eisenach, Leipzig und Dresden, von den Fusionsforschern in Greifswald bis zum „Optik-Valley“ in der Region Jena und Erfurt. Weiterhin wird viel für den Aufbau Ost getan.
Wirtschaftliche Hilfen und Chancen alleine genügen aber nicht, um die Menschen zusammenzuführen. Es ist ebenso wichtig, das politische Gespräch mit jenen zu suchen, die aus den verschiedensten Gründen den alten Zeiten nachtrauern. Ausgrenzung alleine taugt nicht; hier muß – und hier wird – politische Überzeugungsarbeit geleistet werden. Dasselbe gilt gegenüber den Exponenten am rechten Ende des politischen Spektrums. Wirtschaftlicher Aufschwung und politisches Engagement müssen ineinander greifen und so den Prozess des Zusammenwachsens voranbringen.
Die deutsche Einheit war von Anfang an fest eingebettet in den europäischen Einigungsprozess. Damit haben die Bürger der ehemaligen DDR nicht nur die staatliche deutsche Einheit möglich gemacht haben. Sie haben auch, ähnlich wie fast 10 Jahre zuvor die Mitglieder der polnischen Solidarnosc, zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ beigetragen. Letztendlich waren sie damit auch Ursache dafür, daß wir heute in einer Europäischen Union der 25 leben können. Sie haben Geschichte geschrieben.