Botschaft des Bundespäsidenten Horst Köhler zum Tag der deutschen Einheit

Bundespräsident Horst Köhler Bild vergrößern Bundespräsident Horst Köhler

Am 3. Oktober feiern die Deutschen den 15. Jahrestag ihrer staatlichen Einheit in Freiheit. Es ist ein wunderbarer Tag für Deutschland. Er erinnert uns daran, wie sich die Menschen in der DDR mit friedlichen Mitteln die Freiheit gegen die kommunistische Diktatur erkämpften. Sie haben damit eines der schönsten Kapitel der deutschen Geschichte geschrieben, und sie haben es uns allen in Deutschland geschenkt. Daraus ist am 3. Oktober 1990 die neue, vereinte Bundesrepublik Deutschland hervorgegangen. Viele Freunde und Partner haben uns geholfen, und die ganze Welt hat sich mit uns gefreut.

Seitdem haben wir in anderthalb Jahrzehnten dank der Tatkraft und Solidarität der Deutschen in Ost und West viel erreicht: Die Städte in Ostdeutschland sind vor dem Verfall gerettet und zeigen sich in neuem Glanz. Es gibt neue Straßen, Eisenbahnlinien und moderne Telekommunikationsnetze. International erfolgreiche Wissenschafts- und Technologiezentren haben sich entwickelt. Beim Aufbau der Wirtschaft sind beträchtliche Erfolge erzielt worden.

Aber wir wissen auch, dass viele Probleme noch der Lösung harren. Am schwerwiegendsten ist das Problem der Arbeitslosigkeit von Millionen von Menschen – in den neuen Bundesländern, aber auch in ganz Deutschland. Zugleich haben wir die Folgen der Alterung unserer Gesellschaft zu bewältigen. Das sind große Aufgaben für gestaltende Politik, doch diese Aufgaben sind erkannt, und der Erneuerungsprozess hat begonnen. Jetzt muss die Modernisierung konsequent fortgesetzt und vertieft werden. Am Ende wird - dessen bin ich sicher - ganz Deutschland gestärkt daraus hervorgehen.

Die Menschen, die am 9. November 1989 die Mauer zu Fall brachten, konnten sich auf die Gedanken und das Vorbild der polnischen Solidarnosc stützen, die als erste freie Gewerkschaft im Ostblock den Druck des Regimes überwand. Auch die mutige Grenzöffnung durch Ungarn bleibt uns unvergessen. Wir sind dankbar für die Hilfe unserer Nachbarn und wollen mit ihnen gemeinsam die europäische Einigung weiter vorantreiben. Die deutsche Einheit ist eingebettet in die europäische Einigung. Deutschland hat seinen festen Platz in Europa. Wir wollen, dass auch die neuen Mitglieder der Europäischen Union ihre Interessen, beispielsweise in einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik, gut aufgehoben fühlen. Und wir wollen die Europäische Union in Partnerschaft mit den USA weiterentwickeln.

Deutschland setzt seinen Weg der Erneuerung fort und leistet damit auch einen Beitrag zur Stärkung Europas. Das geeinte Europa wird gebraucht, um Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen seiner Bürger voranzubringen. Doch die Aufgaben Europas reichen über seine eigenen Grenzen hinaus: ein wirtschaftlich starkes Europa trägt zu einem besseren Gleichgewicht in der Weltwirtschaft bei. So kann unser Kontinent zu einem wichtigen Partner bei der Bekämpfung der Armut in der Welt werden. Es ist eine Frage der Selbstachtung Europas, sich in dieser Aufgabe beispielhaft zu engagieren.

Natürlich freuen wir uns in Deutschland besonders darauf, im kommenden Sommer die Fußball-Weltmeisterschaft auszutragen. Gerne laden wir unsere Gäste aus der ganzen Welt ein, Deutschland als weltoffenes und gastfreundliches Land kennen zu lernen.

 

Bundespräsident Horst Köhler

Botschaft des Bundespäsidenten Horst Köhler zum Tag der deutschen Einheit