FAS-Interview mit dem Staatspräsidenten Griechenlands Karolos Papoulias

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Karolos Papoulias, Präsident Griechenlands, zu einem Gespräch im Bundeskanzleramt (Berlin, 18.09.2006) Bild vergrößern Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Karolos Papoulias, Präsident Griechenlands, zu einem Gespräch im Bundeskanzleramt (Berlin, 18.09.2006)

Frage: Herr Präsident, Sie waren einst Gastarbeiter in Deutschland. Am Montag wird Sie Deutschland mit höchsten Ehren empfangen. Als griechischer Staatspräsident kommen Sie zu einem fünftägigen Staatsbesuch - mit welchem Gefühl?

Antwort: Mit einem Gefühl enger Verbundenheit. 14 Jahre habe ich dort verbracht. In München und Köln habe ich Jura studiert, später promoviert. Aber ich war auch echter Gastarbeiter. Um mein Studium zu finanzieren habe ich Köln in der Kabelfabrik Felten&Guillaume geschafft. Und ich habe, das weiß bei uns in Griechenland noch niemand, Deutschland mitaufgeforstet. In Köln-Rodenkirchen habe ich 3000 Eichen gepflanzt. Das sind inzwischen mächtige Bäume, ein echter deutscher Eichenwald, auf den ich stolz bin.

Frage: Als Sie Anfang der sechziger Jahre nach Deutschland kamen, lebten hier wenige Ausländer, heute sind Griechen - nach Türken, Italienern und Polen - die viertgrößte Minderheit. Haben Sie beim Thema Integration unangenehme Erfahrungen gemacht?

Antwort: Für Studenten war alles einfacher. Wir fanden schnell Anschluß und echte Freunde, wir haben sehr viel Hilfe erfahren. Dabei habe ich es dem deutschen Staat wirklich nicht leicht gemacht.

Frage: Weshalb?

Antwort: Wir haben damals heftig demonstriert gegen den Vietnamkrieg. An den Studentenunruhen war ich aktiv beteiligt. Deutschland hat das alles mit demokratischem Großmut geduldet.

Frage: Was zog Sie zu den Achtundsechzigern?

Antwort: Der berüchtigte SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund unter Führung von Rudi Dutschke, hatte uns Exil-Griechen sehr beigestanden im Kampf gegen die Militär-Junta in Griechenland. Von 1967 bis 1974 war mein Vaterland eine Militärdiktatur, geführt von faschistischen Obristen. Dagegen haben wir, der SDS und die ganze Apo demonstriert. Aber auch die evangelische Kirche, die Gewerkschaften und die SPD haben uns sehr unterstützt.

Frage: War den Konservativen das Schicksal Griechenlands egal?

Antwort: Eben gar nicht, auch sie waren empfindsam und wollten Demokratie in Griechenland. Mein Doktorvater, der damals berühmte Kölner Juraprofessor Gerhard Kegel, war ein Bürgerlicher, ein Konservativer durch und durch. Doch gerade er war es, der mich in größter politischer Not rettete. Die Junta und der griechische Geheimdienst trachteten Exilgriechen nach dem Leben. Als einer der Rädelsführer im Exil sollte ich ermordet werden. Mein guter Professor gab mir, als er davon erfuhr, den Schlüssel seines Hauses in der Eifel mit den Worten, die ich nie vergessen werde: "Mein Haus gehört Dir, wann immer Du es brauchst."

Frage: Dabei hatten Sie einst gegen Deutsche, die Altersgenossen Ihres Professors, gekämpft.

Antwort: Die deutsch-griechische Geschichte formte mein Leben auf bizarre Weise. 1943, mit 14 Jahren, schloß ich mich den Partisanen in Griechenland an. Wir waren von Nazi-Deutschland besetzt. Als Gymnasiast habe ich sie gehaßt, die Taten, die Deutsche meinem Land antaten. Sie haben grausam gewütet in den Dörfern, Frauen, Kinder und Greise umgebracht. In Relation zur Einwohnerzahl sind in Griechenland mehr Menschen unter deutscher Besatzung getötet worden als in jedem anderen Land. Gegen die Deutschen wurde ich zum Antifaschisten, später gab Deutschland mir Schutz und Hilfe gegen griechischen Faschismus. Hat Brecht nicht Recht gehabt mit dem Satz: Sag niemals nie?

Frage: Und nur sechs Jahre nach Ende der Obristen-Herrschaft ist Griechenland Mitglied der Europäischen Union geworden - vor genau 25 Jahren.

Antwort: Die EU-Mitgliedschaft hat unsere Demokratie stabil gemacht. Dabei half natürlich die wirtschaftliche Unterstützung, die Europa leistete. Griechenland ist der Solidargemeinschaft EU für zu Dank verpflichtet. Von allen nunmehr 25 Mitgliedstaaten ist bei uns die EU-Begeisterung am größten. Das macht mich froh. Unser Beitrag für Europa ist vor allem gewesen, daß mit Griechenland ein großer Teil des Balkans anhaltend demokratisch und friedlich wurde.

Bundespräsident Horst Köhler und Karlos Papoulias, Präsident Griechenlands, begrüßen Jugendliche Zuschauer mit Fähnchen (Berlin, 18.09.2006) Bild vergrößern Bundespräsident Horst Köhler und Karlos Papoulias, Präsident Griechenlands, begrüßen Jugendliche Zuschauer mit Fähnchen (Berlin, 18.09.2006)

Frage: Folglich müßte auch die Türkei in die EU.

Antwort: Griechenland hat sich von Anbeginn eingesetzt für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei. Wir wollten der Türkei damit eine Chance für echte demokratische Reformen geben, das aber im Rahmen der europäischen Prinzipien. Für eine EU-Mitgliedschaft darf es keine Ausnahmen geben wegen geostrategischer oder wirtschaftlicher Interessen. Um der EU beitreten zu können, muß die Türkei ausnahmslos die EU-Kriterien erfüllen.

Frage: Wozu die Anerkennung Zyperns zählt.

Antwort: Die Türkei wird als EU-Mitglied ihre Besatzungsarmee auf Zypern nicht halten können. Hier wird ein EU-Mitgliedsstaat belagert. Es ist deshalb ausgeschlossen, die Belagerer in die EU aufzunehmen. Die türkische Regierung muß ihre Sturheit in der Zypernfrage aufgeben. Sie muß ihre Soldaten abziehen und die Häfen der Insel für den Verkehr freigeben.

Frage: Dann wäre der Weg in die EU frei?

Antwort: Wenn die Beitrittskriterien erfüllt wären, ja. Aber es ist nicht auszuschließen, daß die türkische Regierung ihrer Reformanstrengungen müde wird, weil sie daheim mit keinem Erfolg im Verhandeln mit der EU aufwarten kann. Die türkische Gesellschaft ist gespalten: Ein Teil will in die EU. Ein anderer jedoch nicht, wozu das Militär gehört. Dessen Interessen werden von der EU nicht bedient.

Frage: Sollte der ganze Balkan in die EU aufgenommen werden?

Antwort:Wenn wir wirklich dauerhaft Frieden in ganz Europa wollen, dann müssen früher oder später alle Staaten des Balkans EU-Mitglieder werden. Der Beitritt von Rumänien und Bulgarien ab 2007 darf nicht Abschluß der EU-Erweiterung sein, sondern muß als Anfang für die nächste Erweiterungsrunde gelten. Europa wird niemals auf sicheren Füßen stehen, wenn Länder wie Albanien oder auch Serbien von der EU ausgeschlossen blieben.

Frage: Als griechischer Außenminister sorgten Sie 1995 für Ärger in der EU, weil Sie eigenmächtig mit Serbiens Diktator Milocevic Frieden um das Kosovo aushandeln wollten. Da zumindest haben Sie die Europa-Sehnsucht der Serben überschätzt.

Antwort:Nein, die Serben waren und sind ein europaorientiertes Volk. Das Ausbomben Serbiens gehört nicht zu den Glanzlichtern der europäischen Geschichte. Übrigens ebensowenig die Uneinigkeit der EU während des Irak-Kriegs. Die EU muß heute lernen, wieder mit einer Stimme zu sprechen. Das gilt für eine gemeinsame Außenpolitik ebenso wie für eine gemeinsame Verteidigungspolitik.

Frage: Ist das Ihre Erwartung an die deutsche EU-Präsidentschaft, welche 2007 beginnt?

Antwort:Durchaus. Griechenland setzt viel Hoffnung in Deutschland. Obgleich es eine schwere Aufgabe ist, trauen wir Bundeskanzlerin Angela Merkel zu, daß sie wieder Schwung in den Verfassungsprozeß bekommt. Die Aufgabe der deutschen EU-Präsidentschaft wird sein, den Völkern Europas klarzumachen, daß es bei der gemeinsamen Verfassung um die Menschen in Europa geht und nicht um die Bürokratie in Brüssel. Es geht dabei um Demokratie, nicht nur um politische Demokratie, sondern auch um wirtschaftliche Demokratie. Wir Regierenden wirken zunehmend so, als würden wir nicht auf unsere Völker hören. Das ist der eigentliche Grund aller EU-Müdigkeit.

Frage: Wie sollte sich dieser Eindruck ändern?

Antwort:Durch mehr Ehrlichkeit und europäisches Selbstbewußtsein. Ehrlich sollten die Regierungen in der EU ihren Völkern sagen, daß sie den Sozialstaat erhalten wollen, auch wenn es aktuell wegen wirtschaftlicher Engpässe in einigen Ländern schwierig scheint. Selbstbewußt sollte sich damit die EU anders als die Vereinigten Staaten von Amerika präsentieren. Nicht nur damit: In der EU müssen Freiheit und Demokratie wirklich höchste Werte sein. Kein EU-Land darf CIA-Gefängnisse dulden und auch kein Guantanamo, wie es unser Freund Präsident Bush tut. Der Zweck heiligt auch hier nicht die Mittel. Europas uralte Prinzipien müssen in der EU über allem gelten: Es sind die altgriechischen Werte Humanismus und Freiheit.

(Text: Griechische Botschaft in Berlin www.griechische-botschaft.de )

Website: www.presidency.gr

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