GZ-Interview mit dem deutschen Botschafter in Griechenland, Dr. Wolfgang Schultheiss

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„Meine hohen Erwartungen wurden noch übertroffen!“

Vor wenigen Tagen absolvierte der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias einen offiziellen Staatsbesuch in Deutschland. Zu seinen Begleitern gehörte Botschafter Dr. Wolfgang Schultheiss. In der kommenden Woche wird am 3. Oktober der Tag der Wiedervereinigung Deutschlands gefeiert. Und: Botschafter Schultheiss blickt auf sein erstes Amtsjahr in Griechenland zurück. Anlässe genug für ein Interview.

GZ: Sie sind seit einem Jahr Botschafter in Athen, wie haben Sie sich eingelebt?

SCHULTHEISS: Ich habe mich sehr gut eingelebt und fühle mich hier richtig zu Hause; der Aufenthalt in Griechenland hat meine hohen Erwartungen noch übertroffen. Ich hatte nicht gedacht, dass mir eine solche Herzlichkeit entgegen schlagen würde. Was mir nicht bewusst war, ist die große Anzahl der Griechen, die in Deutschland gelebt, gearbeitet, studiert haben und wieder nach Griechenland zurückgekehrt sind, und die nach wie vor eine enge Beziehungen zu Deutschland haben. Das ist ein ganz großartiges Reservoir an Menschen, die mit Deutschland verbunden sind. Das Zweite ist, dass ich ein ganz begeisterter Reisender durchs Land bin und mich bemühe, bei meinen Dienstreisen nach Thessaloniki, Kreta, Rhodos, Korfu, aber auch Patras so viel wie möglich von Griechenland zu sehen. Eigentlich bin ich nach einem Jahr noch viel neugieriger auf das Land als vor einem Jahr.

GZ: Sie haben in Thessaloniki einen Neugriechischkurs besucht. Wie kam es dazu?

SCHULTHEISS: Mein Vorgänger, Botschafter Spiegel, hat ja Griechisch gelernt und dann sogar seine Reden auf Griechisch gehalten. Er war mir ein Beispiel, dem ich gern nacheifern möchte. Ich habe tatsächlich einen Intensivkurs absolviert, aber ich kann leider nicht sagen, dass ich schon Neugriechisch gelernt hätte. Das ist wohl noch ein weiter Weg …

Mit Präsident Papoulias zu Besuch in Deutschland

GZ: In der vorigen Woche begleiteten Sie den griechischen Staatspräsidenten Karolos Papoulias auf seinem fünftägigen offiziellen Besuch in Deutschland. Was waren aus Ihrer Sicht die Höhepunkte dieses Besuches?

SCHULTHEISS: Der erste und aus protokollarischer Sicht wichtigste Höhepunkt war natürlich das Gespräch mit Bundespräsident Horst Köhler und das Staatsbankett am ersten Abend. Politisch betrachtet waren auch die Begegnungen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel sehr wichtig. Beide Politiker führten ein sehr intensives Gespräch beim Mittagessen, sie hatten aber auch ein Gespräch unter vier Augen. Gesprächsthemen mit Merkel waren vor allem die Lage im Dreieck Athen–Ankara–Nikosia. Bei den Unterredungen mit dem Bundespräsidenten ging es eher um europapolitische Fragen und natürlich auch um die Lage auf dem Balkan. Es war deutlich zu spüren, dass sich Papoulias sowohl mit Bundeskanzlerin Merkel als auch mit Bundespräsident Köhler sehr gut verstanden hat.

Emotional haben ihn sicher die Besuche bei der Deutschen Welle und der Universität Köln besonders bewegt. Ebenfalls sehr gehaltvoll war das Gespräch mit dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers. Unter anderem wurden dabei Fragen des Griechisch-Unterrichtes an Schulen in Deutschland besprochen. Nicht zu vergessen auch der Besuch bei Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, der sich sehr viel Zeit genommen und Staatspräsident Papoulias durch sein Bundesland von Schloss Sanssouci bis zum Schloss Cäcilienhof, in dem die Potsdamer Verträge unterzeichnet wurden, begleitet hat.

GZ: Inwiefern hat dieser Besuch zur Entwicklung der deutsch-griechischen Beziehungen beigetragen?

SCHULTHEISS: Ein solcher Staatsbesuch sagt ja schon rein protokollarisch etwas über den guten Stand der bilateralen Beziehungen aus. Außerdem hat man deutlich gespürt, wie es Staatspräsident Papoulias zu Herzen ging, als er wieder nach Köln kam, wo er ja studiert und promoviert hat und wo auch seine Familie lebt. Emotional bedeutsam war sicher auch der Besuch bei der Intendanz der Deutschen Welle, aber auch ein sehr schöner Liederabend im Schloss Charlottenburg in Berlin, der auch für die deutsche Seite sehr eindrucksvoll war. Insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, dass der griechische Präsident mit dem Besuch sehr zufrieden war.

Ein wunderbares Zeichen der Versöhnung

GZ: Was waren die bisherigen Höhepunkte Ihrer Arbeit in Griechenland?

SCHULTHEISS: Einerseits waren meine Besuche außerhalb Athens, und hier besonders bei den Honorarkonsuln, gewisse Höhepunkte. Dann gibt es natürlich vielfältige Veranstaltungen, die mir große Freude bereitet haben. Das war einmal das Konzert von Texas Lightning im Rahmen des Eurovision Song Contest in der Residenz. Meine Funktion gibt mir zudem die Gelegenheit, interessante Menschen kennen zu lernen und ihre Anwesenheit für die deutsch-griechischen Beziehungen zu nutzen. So habe ich den Historiker für Neuere Geschichte, Professor Heinrich August Winkler von der Humboldt Universität, eingeladen, der berühmte Regisseur Peter Stein war da, und die Geigerin Anne-Sophie Mutter hat im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt Patras ein Konzert gegeben.

GZ: Sie haben in Griechenland auch einigen der so genannten Märtyrerstädte einen Besuch abgestattet. Was ist denn der Grund für dieses Engagement?

SCHULTHEISS: Zahlreiche Märtyrerstädte oder Opfergemeinden gedenken jährlich ihrer Mitbürger, Verwandten, Eltern oder Großeltern, die der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht zum Opfer gefallen sind, und wir bekommen zunehmend Einladungen, an diesen Gedenkfeiern teilzunehmen. Das halte ich für ein wunderbares Zeichen der Versöhnung und Großherzigkeit von griechischer Seite. Darauf antworten wir gerne, indem wir zu diesen Gedenkfeiern kommen und damit zu erkennen geben, dass wir keineswegs vergessen und verdrängen wollen, sondern dass wir uns der Vergangenheit bewusst sein wollen und dass wir auf dieser Basis und der zwischenzeitlich ja wirklich guten und wirtschaftlich erfolgreichen Zusammenarbeit gemeinsam die Zukunft gestalten wollen. Ich muss sagen, es ist berührend, mit welcher besonderen Herzlichkeit einem hier in einigen Gemeinden begegnet wird, und das ist eine wunderbare Entwicklung.

Großes Potential für die Zusammenarbeit

GZ: Sie haben die guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern erwähnt. Stimmt es, dass Italien Deutschland als führender Handelspartner Griechenlands im ersten Halbjahr 2006 den Rang abgelaufen hat? Wenn ja, was ist der Grund dafür?

SCHULTHEISS: Wir liefern uns mit Italien ein Kopf-an-Kopf-Rennen und haben in den letzten Jahren immer knapp vorn gelegen. Ob wir im ersten Halbjahr 2006 nicht vorne gelegen haben, dazu habe ich keine eigenen Erkenntnisse. Aber es würde mich auch nicht wundern, schließlich ist es ja verständlich, dass Griechenland und Italien schon aufgrund der geographischen Gegebenheiten sehr gut zusammenarbeiten. Aber auch unsere Handelsbeziehungen mit Griechenland sind weiterhin sehr gut, wir investieren und wir haben einige Zuschläge für wichtige Projekte bekommen.

GZ: In welchen Bereichen sehen Sie noch Potential für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Griechenland?

SCHULTHEISS: Ich wünsche mir sehr, dass wir im Bereich der erneuerbaren Energien und der Abfallbeseitigung – das ist ja auch ein Energiethema – noch enger zusammenarbeiten. Griechenland hat in diesem Bereich einen großen Nachholbedarf, es führt ja enorm viel Energie ein. Die Umweltverschmutzung ist ja eine ganz drängende Sache; die EU hat dem Land aufgegeben, die rund 1.600 illegalen Mülldeponien zu beseitigen. Das ist ein enormer Finanz- und Planungsaufwand, der da bewältigt werden muss. Und wir, die deutsche Seite, verfügen über die geeigneten Technologien und das Know-How, um dabei zu helfen. Aber das ist eine Herkulesaufgabe.

GZ: Außenministerin Dora Bakojanni spricht perfekt Deutsch, und sie hat ihre Bildung zum Teil in Deutschland erworben. Hat das Einfluss auf die auswärtigen Beziehungen zwischen beiden Ländern?

SCHULTHEISS: Ich habe den Eindruck, dass die griechische Politik dieselbe geblieben ist. Frau Bakojanni ist vielleicht im Stil ihrer Äußerungen mehr Politikerin, aber in der Substanz hat sich für meine Begriffe kaum etwas geändert. Was die persönliche Chemie anbelangt: Außenminister Steinmeier und Frau Bakojanni verstehen sich sehr gut, und das ist eine Konstellation, die für die Beziehungen beider Länder sehr von Vorteil ist. Frau Bakojanni spricht bewundernswert deutsch, sie hat ja die deutschsprachige Schule in Paris besucht und auch längere Zeit in München gelebt und studiert, und das hilft natürlich enorm, wenn Politiker bei ihren Gesprächen ohne Dolmetscher auskommen.

GZ: Zuletzt noch eine Frage in eigener Sache: Am 3. Oktober vor einem Jahr ist die erste Ausgabe der Griechenland Zeitung erschienen. Wie beurteilen sie die Arbeit unserer Zeitung?

SCHULTHEISS: Die Gründungsphase der Griechenland Zeitung ist erfolgreicher verlaufen, als ich zu hoffen gewagt hatte. Die Zeitung hat ein ansprechendes Erscheinungsbild, und ich lese Sie gern, weil sie in verständlicher Form die hauptsächlichen politischen Entwicklungen darstellt. Außerdem mag ich die landeskundlichen Beiträge sehr, sei es über den Wein oder den Tourismus. Und natürlich lese ich auch auf der letzten Seite sehr gern das „Sprachrohr“ und das „Feuilleton“. Die Zeitung ist gut gemacht, und ich habe sie auch in Deutschland empfohlen, bei Gesprächspartnern, die gerne wissen möchten, wie sie sich am besten über Griechenland unterrichten können.

(Das Gespräch führte Jan Hübel.)

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