Ansprache von Botschafter Dr. Albert Spiegel zur Gedenkfeier in Distomo am 09. Juni 2004

Botschafter Dr. Albert Spiegel Bild vergrößern Botschafter Dr. Albert Spiegel

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Bürger der Stadt Distomo und Besucher und Freunde von Distomo,

ich danke Ihnen für die Einladung, den heutigen Abend und die morgige Gedenkfeier zusammen mit Ihnen verbringen zu können.

Es ist nicht leicht für einen Deutschen, an einen Ort wie Distomo, Kalavryta, Kommeno, Klisoura, Hortiatis, Anogia oder anderen zu kommen, im Bewusstsein des abscheulichen Massakers, das Angehörige der eigenen Nation hier vor 60 Jahren angerichtet haben. Für mich als offiziellen Vertreter Deutschlands in Griechenland ist es sehr wichtig, dass ich gemeinsam mit Ihnen der Opfer des Massakers gedenken kann. Es erfüllt mich mit Hoffnung und Freude, dass Erwachsene und junge Deutsche heute diese schwere seelische Last aus freien Stücken auf sich nehmen und - zum Teil schon seit Jahrzehnten - nach Distomo kommen, sich mit dessen Geschichte bewusst auseinandersetzen und für die Versöhnung arbeiten. Ich möchte dabei namentlich insbesondere Frau Brigitte Spuller und Herrn Dieter Begemann hervorheben.

Die Teilnahme an der Gedenkfeier in Distomo ist ein wichtiges Zeichen, das ich sehr ernst nehme. Es gab und gibt leider manchmal auch die Tendenz, diesen dunklen Teil seiner Geschichte vergessen und verdrängen zu wollen. Dies ist ein Fehler, dem ich entgegenwirken will. Wie wir alle wissen, liegt der Schlüssel zur Versöhnung in der Erinnerung. Nur ein Land, das seine Geschichte kennt, hat auch eine Zukunft.

Ich freue mich, dass wir die Feierlichkeiten gemeinsam begehen und dass die Botschaft bei diesem 60. Jahrestag auf Initiative von Bürgermeister Papachristou erstmals einen Beitrag zum Kulturprogramm von Sonntagabend und von heute leisten konnte. An dieser Stelle möchte ich den Künstlern danken, besonders auch dem Ensemble "Quijote", dass sie sich spontan bereit erklärt haben, den weiten Weg aus Chemnitz zu kommen, um die heutige Vorstellung geben zu können.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland sind heute eng und freundschaftlich; durch das Einigungswerk der Europäischen Union werden Kriege auf unserem Kontinent zum Glück immer unwahrscheinlicher. Dies ist jedoch nicht selbstverständlich, weshalb Distomo für uns alle eine Mahnung zum Frieden sein sollte.

Bundespräsident Rau hatte bei seinem Besuch in Kalavryta betont, dass er für die Verbrechen der deutschen Besatzer große Trauer und tiefe Scham empfindet. Ich habe ihm von der Gedenkfeier in Distomo berichtet. Er hat mich daraufhin gebeten, morgen in seinem Namen einen Kranz niederzulegen und lässt ausrichten, dass er in Gedanken bei Ihnen ist. Wir gedenken in diesen Tagen besonders der Opfer und ihrer Nachkommen, denen im Namen Deutschlands unermessliches Leid zugefügt wurde, wie leider auch an so vielen anderen Orten in Griechenland und Europa. Am gleichen Tag wie in Distomo, am 10. Juni, wurden auch in Oradour in Frankreich über 600 Menschen von deutschen Besatzungstruppen ermordet. Erst vor wenigen Tagen haben wir in der Normandie in Frankreich des Beginns der Befreiung Westeuropas gedacht. Staatspräsident Stefanopoulos war dabei auch anwesend. Wir Deutsche wissen heute, wie wichtig solches Gedenken ist. Wir werden nicht vergessen.

Sehr geehrte Bürger von Distomo, ich wünsche mir, dass Sie von meinen Worten heute Abend vor allem dieses eine in Erinnerung behalten werden: Unsere Bitte um Verzeihung und den Ausdruck unserer Entschuldigung.

Ansprache von Botschafter Dr. Albert Spiegel zur Gedenkfeier in Distomo am 09. Juni 2004