Ansprache des deutschen Botschafters Dr. Wolfgang Schultheiss auf der Gedenkfeier in Maleme
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Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
Ich danke Ihnen allen, daß Sie heute zu der Gedenkfeier nach Maleme gekommen sind. Ich werde, um von allen verstanden zu werden, zwischen Deutsch und Englisch wechseln, aber alle werden das Wesentliche verstehen können.
Wir wollen heute der Toten gedenken, die in der Schlacht um Kreta vor 65 Jahren gefallen sind. Wir stehen auf einem deutschen Soldatenfriedhof und gedenken daher zunächst der deutschen Gefallenen; vielleicht sind heute sogar Angehörige von ihnen unter den Anwesenden. Wir gedenken aber auch aller anderer – der Griechen, der Briten, Neuseeländer und Australier - die bei der Schlacht um Kreta umgekommen sind. Wir verneigen uns vor dem Opfermut aller, ob sie nun für die gute oder für die schlechte Sache gekämpft haben. Denn sie alle waren Opfer. Auch die Deutschen, die hier liegen.
Ich versuche mich manchmal zurückzuversetzen in die Köpfe derjenigen, die vor 65 Jahren über Kreta abgesprungen sind. Fast alle, die hier liegen, waren 20 bis 25 Jahre alt, standen am Beginn ihres Lebens, waren voller Hoffnung, hatten die Süße des Lebens und die Erfüllung einer eigenen Familie und einer Tätigkeit in verantwortungsvoller Position noch gar nicht gekostet. Sie müssen doch lebensdurstig gewesen sein. Wer von ihnen wird da gerne oder mit Überzeugung an dem Angriff teilgenommen haben? Gewiß, wir dürfen die Kraft der Propaganda zu jener Zeit nicht vergessen, aber sicher ist doch, daß alle vom Wunsch zu leben beseelt waren – er ist nicht in Erfüllung gegangen. Mögen es Verführte gewesen sein oder Regimegegner – sie alle wurden instrumentalisiert von einem verbrecherischen Regime, dessen Befehlen sie sich nicht so ohne weiteres entziehen konnten. Da mag auch eine Art sportlicher Kampfgeist im Spiel gewesen sein – mit Erschrecken lese ich in dem kleinen Museum von den drei gefallenen Brüdern von Blücher. Der bewunderte große Bruder hatte die beiden jüngeren mit seiner Begeisterung angesteckt und zur Meldung zu den Fallschirmjägern bewegt – sie alle sind gefallen. Das alles ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Wir sind so viel ziviler geworden. Glücklicherweise.
Ich stelle nicht den Mut, die Kameradschaft und vielleicht auch die Ritterlichkeit in Frage, obwohl diese gerade hier in Griechenland vielfach gefehlt hat. Viel klarer als die Menschen damals sehen wir heute, für was für ein verbrecherisches Regime sie ihr Leben gegeben haben. Sie mögen sich in der Schule für die Größe des antiken Griechenland, für die Quellen der Ethik und für Demokratie begeistert haben und sie mögen versucht gewesen sein, Homer zu zitieren, wenn sie die Sonne über der Ägäis haben aufgehen sehen – aber genutzt hat es letztlich nichts. Letztlich blieb nur eines – auch sie sind Opfer, ebenso wie die unterlegenen Verteidiger, die ihr Land gegen einen unprovozierten Angriff schützen wollten. Der Tod macht alle gleich. Um alle haben Mütter, Väter, Ehefrauen, Bräute und Geschwister geweint. Dieser Tragödie wollen wir heute gedenken. Wenn ich von Opfern spreche, will ich nicht die Verantwortung der damaligen deutschen Regierung leugnen. Opfer waren die einzelnen Soldaten, die ihr Leben gaben.
Für dieses Unglück scheint es keinen Trost zu geben. Und doch: So sinnlos und verbrecherisch dieser Krieg auch war, so kann man aus dem Opfer derer, die auf den Soldatenfriedhöfen in ganz Europa liegen, auch etwas Versöhnendes ableiten. Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit seinen Millionen Opfern hat zur Gründung der Vereinten Nationen geführt, deren Hauptaufgabe Konfliktprävention und Konfliktlösung ist. Vor allem hat die Erschütterung des Zweiten Weltkriegs die zerstrittenen Völker Europas zusammengeführt und der Erkenntnis Bahn gebrochen, daß Friede, Wohlstand und das Glück des Lebens nur über die europäische Zusammenarbeit möglich ist. Ohne die Erschütterung des Zweiten Weltkriegs wäre das nicht möglich gewesen. Der Preis war sicherlich zu hoch – aber gerade auch deswegen ist die Europäische Union etwas, was es zu bewahren und auszubauen gilt. Und es bleibt ein Vermächtnis: Krieg, Gewaltherrschaft und die Verletzung der Menschenrechte dort zu bekämpfen, wo es vernünftigerweise möglich ist. Das ist nicht leicht.
Versöhnung über den Gräbern ist zugleich das Schwierigste und das Einfachste. Das Schwierigste, weil man sich die tiefsten Wunden zugefügt hat, aber auch das Einfachste, weil einen die gemeinsame Erinnerung und Trauer verbinden. Wenn dieses Korrektiv nicht existiert, etwa bei der Generation, der die Erinnerung an die Schrecken des Krieges oder der Nachkriegszeit fehlt, läuft das Gedenken in der einen oder anderen Richtung leicht aus dem Ruder. Deshalb ist nicht nur die Erinnerung so wichtig, sondern auch gerade die gemeinsame Erinnerung.
Die Erinnerung kann ruhig gerade uns Deutsche ein wenig demütig machen. Sie macht uns bewußt, zu welchen Abgründen der Mensch fähig ist, wie leicht man in Verstrickung gerät und wie schwer – und zugleich wie wichtig – es ist, aus Gewissensgründen gegen den Strom zu schwimmen, vor allem dann, wenn es mit Nachteilen bis hin zur Gefahr für Leib und Leben verbunden ist.
Ich freue mich ganz besonders, daß die griechischen Streitkräfte und Behörden, aber auch meine britischen und australischen Kollegen Vertreter zu der heutigen Feier geschickt haben. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit: Vor allem dann, wenn man so unmittelbar unter dem Krieg gelitten hat. Heute, 61 Jahre danach und in einem Europa, in dem wir so eng zusammenarbeiten wie nie zuvor in unserer Geschichte, ist die Zeit gekommen, wo wir unsere Toten gemeinsam beweinen können. Das europäische Einigungswerk hat - neben den guten bilateralen Beziehungen - ein Umdenken in den Köpfen der ehemaligen Kriegsgegner bewirkt – mal langsamer, mal schneller, aber doch umfassend und nachhaltig. Darüber freue ich mich und dafür danke ich ihnen ganz herzlich.
Insbesondere danke ich meinem britischen und meinem australischen Kollegen, die mich darin bestärkt haben, diese Gedenkfeier mit Vertretern der ehemaligen Kriegsgegner durchzuführen. Der Nomarch von Rethymno und der US-Kommandant von Souda-Bay haben zu meiner großen Freude selbst den Wunsch geäußert, an dieser Feier teilzunehmen, und all das zeigt, wie weit wir die Schrecken des Krieges hinter uns gelassen haben. Schrecken, unvorstellbare Schrecken aber waren es, das zeigt uns dieser Ort und das dürfen wir nicht vergessen.
Wir leben in einem Land, das Opfer der Aggression Hitlers geworden ist, sich heldenhaft gewehrt und einen hohen Blutzoll gezahlt hat. Ein Land, mit dem wir seit 25 Jahren gemeinsam in der Europäischen Union für ein friedliches und prosperierendes Europa arbeiten, ein Land, das uns bald nach dem Krieg die Hand zur Versöhnung und zur Zusammenarbeit gereicht hat. Das war nicht leicht, wenn man so unter der deutschen Besatzung gelitten hat. Das erforderte Menschlichkeit und ein großes Herz. Das haben wir bei den Griechen gefunden, und genau das hat mir auch Staatspräsident Papoulias versichert, als ich ihm vor neun Monaten mein Beglaubigungsschreiben überreicht habe. Ein äußeres Zeichen für diese Versöhnung ist, daß heute ein Bläserquartett des griechischen Heeres bei unserer Feier spielt. Ich danke ihm sehr herzlich.
Lassen Sie uns eine Minute in Stille verharren und gemeinsam unserer Toten und aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedenken.
Ich danke Ihnen.
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Der deutsche Soldatenfriedhof in Maleme
Originale Ansprache des deutschen Botschafters auf der Gedenkfeier in Maleme am 26. Mai 2006
Ich danke Ihnen allen, daß Sie heute zu der Gedenkfeier nach Maleme gekommen sind. Ich werde, um von allen verstanden zu werden, zwischen Deutsch und Englisch wechseln, aber alle werden das Wesentliche verstehen können. I will hold part of my speech in English in order to be understood by all of you.
Wir wollen heute der Toten gedenken, die in der Schlacht um Kreta vor 65 Jahren gefallen sind. Wir stehen auf einem deutschen Soldatenfriedhof und gedenken daher zunächst der deutschen Gefallenen; vielleicht sind heute sogar Angehörige von ihnen unter den Anwesenden.
But we think also of all the others – of the Greeks, the British, the soldiers from and from - who have died in the Battle of Crete. We bow our heads to honour the sacrifice of them all – whether they have fought for the good cause or for the bad one. They all were victims. Also the Germans who are buried here.
Ich versuche mich manchmal zurückzuversetzen in die Köpfe derjenigen, die vor 65 Jahren über Kreta abgesprungen sind. Fast alle, die hier liegen, waren 20 bis 25 Jahre alt, standen am Beginn ihres Lebens, waren voller Hoffnung, hatten die Süße des Lebens und die Erfüllung einer eigenen Familie und einer Tätigkeit in verantwortungsvoller Position noch gar nicht gekostet. Sie müssen doch lebensdurstig gewesen sein. Wer von ihnen wird da gerne oder mit Überzeugung an dem Angriff teilgenommen haben? Gewiß, wir dürfen die Kraft der Propaganda zu jener Zeit nicht vergessen, aber sicher ist doch, daß alle vom Wunsch zu leben beseelt waren – er ist nicht in Erfüllung gegangen. Mögen es Verführte gewesen sein oder Regimegegner – sie alle wurden instrumentalisiert von einem verbrecherischen Regime, dessen Befehlen sie sich nicht so ohne weiteres entziehen konnten. Da mag auch eine Art sportlicher Kampfgeist im Spiel gewesen sein – mit Erschrecken lese ich in dem kleinen Museum von den drei gefallenen Brüdern von Blücher. Der bewunderte große Bruder hatte die beiden jüngeren mit seiner Begeisterung angesteckt und zur Meldung zu den Fallschirmjägern bewegt – sie alle sind gefallen. Das alles ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Wir sind so viel ziviler geworden. Glücklicherweise.
I do not doubt their courage, their comradeship and perhaps also their chivalry, although this has much too often been lacking here in . Much clearer than the people at this time we see today for what a criminal regime they gave their lives. They might have learnt in school about the splendour of Ancient Greece, about humanity and democracy, and they might have been tempted to quote Homer when they saw the sunrise over the . But of no avail. What remains is that they all are victims, aggressors as well as defenders who have tried to protect from an unprovoked attack. Death makes them all equal. Mothers and fathers, wives and brides, brothers and sisters have wept for them all. This we have to keep in mind today. If I speak of victims, I do not want to decline the responsibility of the German government of this time. Victims were the individual soldiers who gave their lives.
There seems to be no consolation for this distress. But still: As senseless and criminal this war might have been, we can deduct a consolation from the sacrifice of those who lie on the war cemeteries all over .
The catastrophe of World War II with its millions of victims has led to the foundation of the United Nations, the main task of which today is conflict prevention and conflict solution. It was the convulsion of World War II which has brought the hostile nations and peoples of Europe together and which has paved the way for realizing that peace, prosperity and the bless of living only is possible through the European cooperation. Without the convulsion of World War II this would not have been possible. The price certainly was too high, but it is also for this reason that the European Union has to be preserved and to be strengthened. And there is an obligation: to fight war, dictatorship and the violation of human rights wherever we can reasonably do it – it is not easy.
Versöhnung über den Gräbern ist zugleich das Schwierigste und das Einfachste. Das Schwierigste, weil man sich die tiefsten Wunden zugefügt hat, aber auch das Einfachste, weil einen die gemeinsame Erinnerung und Trauer verbinden. Wenn dieses Korrektiv nicht existiert, etwa bei der Generation, der die Erinnerung an die Schrecken des Krieges oder der Nachkriegszeit fehlt, läuft das Gedenken in der einen oder anderen Richtung leicht aus dem Ruder. Deshalb ist nicht nur die Erinnerung so wichtig, sondern auch gerade die gemeinsame Erinnerung.
Die Erinnerung kann ruhig gerade uns Deutsche ein wenig demütig machen. Sie macht uns bewußt, zu welchen Abgründen der Mensch fähig ist, wie leicht man in Verstrickung gerät und wie schwer – und zugleich wie wichtig – es ist, aus Gewissensgründen gegen den Strom zu schwimmen, vor allem dann, wenn es mit Nachteilen bis hin zur Gefahr für Leib und Leben verbunden ist.
I am particularly happy that the Greek Armed Forces and the Greek administration, but also my British and Australian colleagues, have sent representatives to the commemoration today. That was not an obvious gesture, especially of those who have suffered directly under the war. Yet, today, 61 years later, we live in a in which we work together as closely as never before in our history. Now the time has come where we can mourn our dead together. The European integration, together with good bilateral relations, has prompted a change of thinking in the heads of the former enemies, a change which sometimes has been slower, sometimes faster, but which in the end has been comprehensive and sustainable. I am very glad about that and thank you very much.
In particular I thank my British and my Australian colleague who have supported me in my plans to invite representatives of the former war enemies. The Nomarchis of Rethymno and the US-Commander of to my pleasure themselves have voiced the wish to participate at this commemoration. This shows how far we have left behind the horrors of war. They actually were unimaginable horrors, and that becomes evident in the place on which we stand today. This we must not forget.
We live in a country which has become the victim of Hitler’s aggression, which has defended itself heroically and which has paid a high toll rate in human lives. A land with which we have been working in the European Union for the 25 past years most successfully for a peaceful and prosperous . A land which as early as in the fifties has stretched out its hand for reconciliation and cooperation. That is not that easy, when you have suffered so much under German occupation. That requires humanity and a big heart. We have found both with the Greeks and this the Greek President Mr Papoulias has reassured me, when I presented him my letter of credence nine months ago. A manifestation of this magnanimity is the fact that the Greek army provides for the music at our ceremony today. Evcharisto poli.
Let us now remain in a minute of silence and think of all of our dead and all victims of war and dictatorship.
Thank you very much.