Gedenkfeier und Kranzniederlegung am Volkstrauertag , 13. November 2011 auf dem Friedhof Dionyssos-Rapentosa bei Athen
Alljährlich findet zum Gedenken an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft und zur Mahnung für den Frieden am Volkstrauertag eine Gedenkfeier und Kranzniederlegung auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Dionyssos-Rapentosa statt. Trotz des widrigen Wetters hatten sich zahlreiche Trauergäste versammelt um den Vorträgen von Schülern der Deutschen Schule Athen zu lauschen, die die Teilnehmer mit zahlreichen literarischen Texten an das Wesen und das Leid des Krieges erinnerten. Der Gesandte der Deutschen Botschaft, Herr Guy Feaux de la Croix, in Vertretung des Botschafters, spannte in seiner Ansprache den Bogen vom Gedenken an das unermessliche Leid, das jeder Krieg mit sich bringt zu dem Schicksal, das jedes einzelne Kriegsopfer erleidet, ob Soldat oder Zivilist. Dies sollte uns alle ermahnen, alles zu tun um Kriege zu verhindern.
An der Feier nahmen Vertreter der britischen und französischen Botschaft teil und legten Kränze nieder. Eine Bläsergruppe der griechischen Streitkräfte bildete den würdigen musikalischen Rahmen.
Rede zum Volkstrauertag 2011
Soldatenfriedhof,
hier, weitab von der Stadt, hat man unsere Toten begraben. Hinter den fünf Bergen. Vor zwei Jahren, am 28.08.2009, war dies ein Ort der Verwüstung. Ein Feuersturm war von Marathon kommend über diesen Berg gefegt. Auf der anderen Seite hätte der Brand um ein Haar unser Haus vernichtet. Ich kam hierher zu schauen, was das Schicksal unseres Soldatenfriedhofs sei. Ringsum verkohlte schwarze Wüste, Baumstrünke dampften noch von der Glut. Der Friedhof aber war unversehrt. Nur einige Äste der Bäume, über die Mauer hinausragend, versengt, sonst noch alles grün, bunt die Blumen auf den Gräbern.
Der Blick geht hinunter nach Marathon. An der Bucht liegen dort unten im Tumulus seit 2500 Jahren 192 in der Schlacht gefallene Athener. Und am Ende eben dieses Tales kämen wir zum Grabhügel der Platäer, die allein von den anderen Griechen den Athenern zu Hilfe geeilt waren.
Wie wir uns hier versammeln, so tun es auch wohl zur selben Stunde unsere Kollegen auf dem Friedhof von Alimos, die im Krieg gefallenen Soldaten des Commonwealth feierlich zu ehren. Dort liegen sie, Australier, Neuseeländer, Südafrikaner und Briten. Mitten in der Stadt am Meer liegen sie. Ihre Erinnerung ist noch heute mitten in der Gemeinschaft. Anders unsere eigenen Landsleute, hier oben hinter den Bergen versteckt.
Was hat das nun mit unseren deutschen Toten zu tun?
Jener, den Gefallenen in Marathon, der Commonwealth-Soldaten in Alimos gedenken wir als Helden. Gefallen für Freiheit und Demokratie, gilt ihnen bis heute ehrendes Andenken. Und dieser hier, unserer deutschen Kriegstoten, wie gedenken wir ihrer? Ehren wir auch sie? Wie können wir sie ehren?
Sie hier fielen nicht für eine gerechte Sache. Wir können uns nicht wünschen, dass sie Erfolg gehabt hätten und gesiegt hätten. Viele von ihnen werden indessen geglaubt haben, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Manche sogar schreckliche Schuld auf sich geladen haben, persönliche Schuld, noch über die kollektive Schuld jenes Krieges hinaus. Das macht unsere deutsche Trauer so schwierig.
Womöglich hilft es, nicht um ihren Tod zu trauern, sondern um ihr Leben. Das waren alles junge Leben hier, von ihrer Schöpfung, von Gottes Schöpfung zum Leben bestimmt. Das waren junge Männer hier, die meisten von ihnen. Sie waren für ein Leben bestimmt, die meisten dazu, gute Ehemänner zu sein, Familienväter zu werden, ein anständiges Leben zu führen, Bürger zu sein. Und dann geraten sie in diese deutsche Katastrophe, wird die deutsche Nazi-Katastrophe zur Katastrophe ihres eigenen Lebens und zur Katastrophe ihres sinnlosen Todes. Darin kommen wir ihnen nahe, indem wir um ihr ungelebtes Leben trauern.
Näher als die Helden von Marathon oder die in Alimos begrabenen sind sie uns als Deutsche, weil unser eigenes Schicksal ihnen so viel näher ist. Nur die Zeit einer Generation trennt uns selbst von ihrem Schicksal. Nur, um mit dem großen und richtigen Wort von Helmut Kohl zu sprechen, die uns zu Teil gewordene Gnade der späteren Geburt. Weil sonst auch wir in den Sog dieses ungerechten Krieges gezogen worden wären, auch wir Opfer des deutschen Schreckensregimes jener Zeit hätten werden können, auch wir über die Schuld unseres deutschen Volkes hinaus, persönliche Schuld, schlimmste Schuld womöglich auf uns geladen hätten. Denken wir so darüber nach, sind wir ihnen, unseren hier bestatteten deutschen Toten, nahe für einen Moment des Gedenkens. Denken wir so an sie, dann werden wir uns bewusst, dass diese hier unsere gefallenen Brüder sind.
Schlaflos sah ich in der Nacht einen Film, in dem Tote zu den Lebenden durch Geräusche sprachen, Rufe auf Radiofrequenzen und in verzerrten Fernsehbildern. Ein Esoteriker bin ich nun nicht gerade. Aber versuchen wir für einen Moment, dem kalten Wind zu lauschen, uns ihre Stimmen vorzustellen und zu erahnen, was sie uns zurufen würden, sie, unsere gefallenen deutschen Brüder. Was rufen sie uns, die Stimmen im Nordwind?
Sie schauen dann auf ihren Kriegstod zurück, mit dem Abstand von sechs Jahrzehnten, viel Zeit, dass auch sie nun wissen könnten, für eine ungute Sache gefallen zu sein. Wie sollen sie denn Frieden finden mit ihrem Schicksal, das in seiner Ungerechtigkeit über den bloßen Tod hinausreicht, mit ihrer Schuldverstrickung?
Könnten sie nur, so würden sie doch gewiss rufen, dem Hass Einhalt zu gebieten. Denn die Ideologie, derentwegen sie hier endeten, war im letzten Kern der Glaube an den Hass, das Regime die staatliche Organisation von Hass.
„Stoppt den Hass“, würden sie uns zurufen. Aber Hass, was ist das denn? Hass, was ist das denn, wenn nicht die Ausgrenzung der anderen, weil wir die anderen verantwortlich für das machen, was wir als uns zugefügtes Unrecht empfinden. Ausgrenzung und, in der schlimmsten Konsequenz des Holocaust, die Vernichtung derer, die der Hass als „andere“ definiert, das war der Kern jenes Hasses.
Aber um Hass geht es nicht nur in den großen Kriegen. Wir Deutsche und Griechen wissen nun, wie leicht auch heute noch Hass zu entfachen ist. Die Lust zu hassen, das ist eine allerschlimmste Seite des Menschen. Und wir erfahren sie, diese dunklen Seiten auch in diesen schwierigen Zeiten. Immer wieder kommen dann welche daher, ihren Gewinn zu schlagen, indem sie diese finsteren Züge der Menschen bedienen.
Dem Hass, was setzen wir dem entgegen? Wir wissen längst, dass die Hassenden dieser Welt mit unseren Erklärungen nicht oder nur schwer zu erreichen sind. Sie sind nicht zugänglich für ein Werben mit rationalen Argumenten. Das einzige, was also dem Hass entgegengesetzt werden kann und ihn dann machtvoll in seine Schranken weist, das ist die Liebe.
Ohne Liebe wird halt alles nicht, kein Friede und auch kein Europa.
Unsere schwierige Aufgabe heute ist es, sie aufzunehmen in unsere Liebe, die hier liegenden deutschen Brüder, die unschuldigen und – noch viel schwerer – die schuldigen. Aufzunehmen in unsere brüderliche Liebe. Und ansonsten sind sie längst in der Hand unseres gerechten Gottes.
Ein ehrendes Andenken ihnen zu bewahren, das macht mich als Frage ratlos. Bewahren wir ihnen schlicht: ein liebendes Andenken.