Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler zum Tag der Deutschen Einheit am 03. Oktober 2009

Bundespräsident Horst Köhler Bundespräsident Horst Köhler (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung / Photographer: Chaperon, Laurence) 2009 ist für Deutschland ein besonderes Jahr: Wir feiern 60 Jahre Grundgesetz und
20 Jahre Fall der Berliner Mauer. Dieses zweifache Jubiläum begeht Deutschland im Zeichen von Freiheit und Einheit – für uns Deutsche ein Anlass zu Dankbarkeit und Freude.

Mit dem Grundgesetz haben die Deutschen im Westen unseres Landes vor 60 Jahren – auch für die Landsleute, die sich damals nicht frei äußern konnten – das Versprechen abgelegt, dass sie Deutschland auf der Grundlage von Freiheit und Menschenwürde wieder aufbauen wollten; dass sie eine Demokratie errichten und ihr Land in die Familie der freien Völker zurückführen wollten. Dieses Versprechen ist eingelöst worden.

Und vor 20 Jahren haben die Menschen in der ehemaligen DDR gemeinsam mit den Völkern in Mittel- und Osteuropa den Eisernen Vorhang friedlich beseitigt und den Weg zur Überwindung des gespaltenen Europas freigemacht. Heute hat das wiedervereinigte Deutschland seinen Platz im Kreis seiner Partner in Europa und der Welt gefunden. Die Deutschen haben eine stabile Demokratie und eine Wirtschaftsordnung geschaffen, die Freiheit und Wettbewerb mit sozialem Ausgleich verbindet. Wir haben an der Festigung und Erweiterung der europäischen Integration mitgewirkt und Schritt für Schritt internationale Verantwortung übernommen.

Die Freiheit, die wir Deutsche mit dem Grundgesetz und dem Fall der Berliner Mauer gewonnen haben, ist ein kostbares Gut. Wir wollen sie nutzen, um in der Gemeinschaft der Staaten an der Gestaltung unserer Einen Welt mitzuwirken und dabei zu helfen, ihre Probleme zu meistern.

Mit der Europäischen Union, der heute 27 Nationen angehören, haben die Europäer ein großes Werk des Friedens, des wirtschaftlichen und sozialen Wohlstands, der Festigung der Demokratie und der Förderung der Menschenrechte geschaffen. Die Europäische Union ist ein Pfeiler für eine gerechte und stabile Weltordnung.

Jetzt geht es darum, das europäische Modell auch für die Zukunft weiterzuentwickeln. Dazu sind auf Gemeinschaftsebene, vor allem aber auf Ebene
der Mitgliedstaaten, Strukturreformen für mehr Wachstum und Beschäftigung und zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit notwendig. Dazu gehört vor allem, dass der Vertrag von Lissabon so bald wie möglich in Kraft tritt.

Freiheit und Wettbewerb sind die wichtigsten Quellen der Kreativität. Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat uns aber dramatisch vor Augen geführt, welche Folgen eine Freiheit haben kann, die nicht an ihr notwendiges Gegenstück – die Verantwortung – gebunden ist. Die Auswirkungen der Krise sind überall zu spüren – in Europa, Afrika, Amerika, Asien und Australien, in Industrie- ebenso wie in Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie zu überwinden wird noch viel Kraft und Anstrengung brauchen. Die Krise testet aber auch unsere Bereitschaft, global die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und entschlossen zu handeln. Darin liegt für die gesamte Weltgemeinschaft eine große Chance. Gelingt es uns, Gemeinsamkeiten zu definieren und danach zu handeln, dann kann uns die Krise weltweit zu einer neuen, innovativen Politik führen: Einer Weltpolitik im Geiste der Kooperation, die nicht nur isolierten nationalen Interessen dient, sondern nachhaltig und umfassend auch das globale Gemeinwohl voranbringt. 

Es ist höchste Zeit, uns auf die gemeinsamen Menschheitsaufgaben zu verständigen. Wir brauchen Ordnung in der Globalisierung, bessere Regeln und effektive Institutionen. Es geht um mehr als die internationale Finanz- und Wirtschaftsordnung. Immer mehr Menschen in den Industrieländern – auch in Deutschland begreifen: Sicherheit, Wohlstand und Frieden kann es dauerhaft nur geben, wenn mehr Gerechtigkeit in unsere Welt kommt und wenn wir neue Achtung vor der Schöpfung gewinnen. Die nachhaltige Bekämpfung von Armut und Klimawandel geht uns alle an. Wir brauchen eine Entwicklungspolitik für den ganzen Planeten. Sie kann gelingen, wenn alle in globaler Solidarität daran mitwirken.

Das Gute, das wir Deutsche in den vergangenen 60 Jahren erfahren und erarbeitet haben, begreifen wir deshalb als Verpflichtung für die Zukunft. Wir sind bereit, den Weg, der mit der Verabschiedung des Grundgesetzes begonnen hat, weiter zu gehen – als deutsche Patrioten, als gute Europäer, als Bürger der Einen Welt.


Horst Köhler